firewatch

Firewatch

By Tony, 7. März 2016

Vor einigen Tagen habe ich Firewatch durchgespielt. Es war eine wirklich empfehlenswerte Spielerfahrung. Wenn ihr sie erst noch vor euch habt, solltet ihr meine nachfolgende Einschätzung besser nicht lesen. Ich verrate keine konkreten Details, aber deute das Ende an. Also dann. Firewatch wurde mancherorts als “Walking Simulator” verspottet. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, ob das ein Genre ist. Wenn ja, wird es Firewatch aber nicht gerecht.

Es stimmt natürlich, dass man im Prinzip nur umherläuft. Die Interaktion mit der Spielwelt beschränkt sich auf das absolute Mindestmaß. Per X-Taste einen Stein hochklettern, das ist eigentlich das höchste der Gefühle. Firewatch braucht ganz sicher keine Quick-Time-Kletterpassagen, aber was dem Spiel meiner Meinung nach durchaus gut getan hätte, wären ein paar Rätsel gewesen. Firewatch will natürlich genau das sein, was es ist. Aber es gibt keine Regel, die besagt, dass derartige Spielerfahrungen nicht auch ein bisschen mehr Gameplay bieten dürfen. Ich glaube nicht, dass mit Bedacht temperierte Rätsel mich irgendwie aus der Spielwelt gerissen hätten oder die Atmosphäre zerstört hätten, ganz im Gegenteil. Ab und an boten sie sich eigentlich sogar an. So beschränken sich die tiefgreifensten Gameplay-Elemente darauf, etwas wegzuräumen, um darunter etwas zu finden.

Im Vordergrund stehen somit die Dialoge mit Delilah und die Stille und Bedrohlichkeit der Natur. Das ist wohl gewollt so und soll auch gerne so sein. Das erkennt man auch daran, dass die Geschichte die Firewatch zu bieten hat zwar ganz spannend, aber nicht berauschend ist. Die Einführung ist natürlich herzzerreißend, der Verlauf stellenweise fesselnd, aber die Auflösung unaufgeregt und für viele wahrscheinlich sogar enttäuschend. Wahrscheinlich mit Absicht. Firewatch will nicht der Geschichte wegen gespielt werden.

Sondern wegen der sich entwickelnden Beziehung mit Delilah. Die Dialog-Autoren haben wirklich unglaubliche Arbeit geleistet. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass mir jemals ein Charakter nach ein paar Minuten so wichtig war wie Delilah. Das liegt bestimmt nicht nur daran, dass es außer Delilah niemanden gab. Mein persönlicher Höhepunkt war die Szene, als das große Feuer ausbrach. Ich stand auf meinem Tower, schaute in Richtung Feuer und funkte mit Delilah. Obwohl ich ein gefährliches Feuer direkt vor mir hatte, drehte ich ihm den Rücken zu und schaute in Richtung Delilahs Tower. Zunächst unbewusst. Doch dann riss mich Delilah aus den Gedanken. “Du guckst gar nicht zum Feuer, oder?” – Es war, als hätten wir uns kennengelernt.

Immer wieder verblüfft mich Delilah mit ihren Antworten und Fragen. Und Henry schmiede ich mir mit meinen eigenen Antworten und Fragen immer mehr zu mir selbst. Ich hatte das Gefühl, die Gespräche wirklich zu lenken und zu beeinflussen. Keine Ahnung, ob das so ist. Ich müsste Firewatch eigentlich nochmal spielen, um das festzustellen. Aber ich weiß nicht so richtig, ob ich das will, denn der Henry den ich gespielt habe war der, der mir wirklich nahe kam. Nicht die Antworten und Fragen zu geben, die man geben würde, würde denke ich viel von Firewatch zerstören. Und so belasse ich es wahrscheinlich dabei.

Firewatch würde ich weiterempfehlen. Ich trauere den 20 Euro nicht hinterher, denke aber, dass es bald sowieso im Sale ist. Spätestens dann darf man durchaus zugreifen. Vorausgesetzt, bis dahin ist ein weiterer Patch erschienen. Ich habe es erst nach dem ersten Patch gespielt, der die Performance der PS4-Version ja schon verbessern sollte. Aber Firewatch geht manchmal derart krass in die Knie, das es wirklich ein Atmosphäre-Killer ist. Ich kann über solche Schönheitsfehler oft hinwegsehen, aber Firewatch ist in der Hinsicht geradezu erschreckend schrecklich.