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Beyond: Two Souls

By Tony, 10. Februar 2015

Bevor ich mir für Zelda: Majora’s Mask 3D die Zeit nehme, die es verdient, konnte ich noch Beyond: Two Souls in meinen “Zeitplan” packen. Das nächste Spiel von den “Filmemachern” von Quantic Dream. Ich hatte erst vor ein paar Wochen Heavy Rain gespielt, dass mich doch ziemlich fasziniert hat. Auch wenn ich sagen muss: Dieses Genre des “interaktiven Films” kann ich sicher nur spielen, wenn der “Film” auch spannend genug ist. Natürlich muss die Story packen, Emotionen wecken, denn das ist das Einzige, was in diesem Genre zählt.

Beyond: Two Souls macht gleich schon mal eine ganze wichtige Sache besser als Heavy Rain. Man kann den Charakter ganz einfach mit dem linken Analogstick steuern, man muss nicht gleichzeitig R2 gedrückt halten. Klingt banal, war aber ganz wichtig für mich, dass Quantic Dream das in seinem nächsten Spiel weglässt.

Der Einstieg in die Story geschieht gemächlicher als noch in Heavy Rain, wie ich finde. Dafür packte mich sofort die übernatürliche Kraft “Aiden” von Jodie Holmes. Gleich zu Beginn weckte sie einige seltsame Emotionen, z.B. bei dem “Experiment”. Aiden greift die Sehnsüchte und Gefühle des Spielers auf, aber auch die Triebe und Boshaftigkeiten. Ich brachte es zum Beispiel nicht fertig, einfach nur die Motive der Karten zu erraten. Ich zerstörte den Raum, versetzte die arme Frau in Angst und Schrecken. Im Anschluss tat es mir regelrecht leid, ich fühlte mich, als hätte ich etwas Schlimmes getan. Ähnlich wie in Heavy Rain, als ich aus Versehen den fundamentalistischen Christen erschossen hatte. Das sind Emotionen, die Videospiele nicht oft wecken. Großartig! Nach dieser Erfahrung habe ich die Kräfte von Aiden übrigens nie wieder bösartig genutzt…

Beyond Two Souls macht überraschenderweise sehr viel anders als Heavy Rain. Überraschend ist das deshalb, weil Heavy Rain wohl der erste richtig, richtig populäre Vertreter des gewöhnungsbedürftigen Genres war. Einfacher wäre es sicherlich gewesen, ganz nah an Heavy Rain zu bleiben. Insofern würde ich David Cage und Quantic Dream da doch einiges an Mut zusprechen wollen. Respekt.

Das fängt damit an, dass man in Beyond Two Souls eben nicht auf die Zukunft hinspielt, sondern im Prinzip nur die Vergangenheit “nachspielt”. Das finde ich deshalb bedauerlich, weil so natürlich ganz viel von dem verloren geht, was Heavy Rain ausgemacht hat: die Ungewissheit und die ständige “Angst”, nicht das richtige zu tun und so Ethans Sohn Shaun nicht retten zu können. In Beyond Two Souls läuft es hingegen darauf hinaus, dass man sich das Ending im Prinzip Sekunden vor dem Spielende per Knopfdruck aussucht. Nicht nur im Großen, auch im Kleinen nimmt das Spiel mitunter die Handlung vorweg. Zum Beispiel bei der CIA-Mission beim Kondensator des amerikanischen Feindes. Schon vor Beginn wird gezeigt, dass Jodie und Ryan gefangengenommen werden. Das nimmt ein bisschen Fahrt aus der Dramatik und Hektik der nächsten Szenen.

Aber das macht nichts. Denn trotzdem gibt es in Beyond Two Souls viele Entscheidungen, die man sich nicht leicht machen wird. Wenn auch auf andere Art und Weise und ohne Auswirkungen auf den Ausgang des Spiels. Die Szene mit Jodies Mutter ist einfach grandios und so emotional. Überhaupt konnte mich Beyond Two Souls emotional noch mehr mitreißen als Heavy Rain.

Das liegt an Jodie, an der Leistung von Ellen Page und an Aiden. Unglaublich, wie sehr man Aiden lieben lernt. Obwohl Aiden überhaupt nicht greifbar ist, nicht kommuniziert und nicht sichtbar wird. Man baut die Beziehung zu Aiden freilich nur über Jodie auf. Insofern ist das natürlich total gesteuert, aber das macht es ja nicht weniger zu einer tollen Leistung.

Obwohl Jodie Aiden zu Spielbeginn eigentlich loswerden will und sich im Prinzip das ganze Spiel darum dreht, zu erfahren, was Aiden eigentlich ist, habe ich das bis zum Ende eigentlich vergessen. Man hatte Aiden längst nicht nur akzeptiert, sondern eben lieben gelernt. Die Frage danach, was Aiden eigentlich ist, stellte sich mir gar nicht mehr. Umso ergreifender war die Auflösung dieser Frage. Wirklich toll.

Dass Beyond Two Souls nicht chronologisch erzählt wird, war für mich kein Problem. Im Gegenteil, ich fand, es trug zur Spannung bei. Außerdem lässt so eine nicht-chronologische Erzählung bestimmt auch die ein oder andere Storylücke unerkannt.

Spielerisch finde ich Beyond Two Souls in einigen Dingen besser (oder vielleicht gereifter) als Heavy Rain. Schade fand ich nur, dass es keine Quick-Time-Events mehr gab. Wo, wenn nicht hier, passen denn Quick-Time-Events wunderbar rein?! Mir fiel es nicht immer ganz leicht, in den Kampfszenen die richtige Richtung zu drücken. Ich fand das albern, letzten Endes waren das ja auch bloß QTEs, nur ohne Anzeige der Tasten. Das hat mich nicht gestört in Heavy Rain. Am Ende hat es mich auch in Beyond Two Souls nicht gestört, dass die QTEs fehlten, denn mir wurde relativ schnell klar, dass Jodie sowieso nicht in Kämpfen sterben kann. Es ist richtig, dass Beyond Two Souls insgesamt spürbar weniger Interaktion fordert als Heavy Rain. Aber auch innerhalb des Genres “interaktiver Film” gibt es wohl Spielraum. Dass man anstelle von Beyond Two Souls “auch gleich einen Film” hätte gucken können, würde ich trotzdem nicht behaupten wollen. Beyond Two Souls weckt mehr Emotionen, als es ein Beyond: Two Souls – Der Film je hätte tun können.

Was mich allerdings wirklich ein wenig gestört hat, weil es echt ein kleiner Stimmungstöter war, war die überlange und für mich völlig deplatzierte CIA-Mission zur Tötung eines afrikanischen Politikers. Das hat mich wirklich zeitweise förmlich aus dem Spiel gerissen. Das konnte auch Salims kleine Side-Story nicht ändern. Aber gut – Schwamm drüber! Dafür gab es geniale Kapitel wie “Obdachlos”.

Seinen Teil zur Atmosphäre und viel Gänsehaut trägt der tolle Soundtrack bei. Komponist Normand Corbeil ist leider noch vor der Veröffentlichung von Beyond Two Souls verstorben. Lorne Balfe führte seine Arbeit fort.

Ach, und das wollen wir mal auch nicht vergessen: Beyond Two Souls klärt natürlich auch eine der brennensten Fragen der Menschheit. Nämlich die Frage nach dem Leben nach dem Tod. Dazu nur soviel:

Wenn man ganz genau hinhört, hört man sie flüstern. – Jodie Holmes